mensch paulus

Vortrag von Pfarrer Kurt Sohns im Rathaus Offenbach
anlässlich der Eröffnung der Ausstellung
mensch paulus am 12. Januar 2009

Die Ausstellung, zu deren Eröffnung ich einige Überlegungen beitragen darf, hat einen ansprechenden Titel. Der Titel soll einladen, dass wir uns mit Paulus beschäftigen –, dass wir mit ihm ins Gespräch kommen. Wenn wir den Titel der Ausstellung aussprechen „mensch paulus“ sind wir schon ins Gespräch eingetreten.

„mensch paulus“, das können wir bewundernd sagen. Er ist ja eine der interessantesten Personen der christlichen Religion.
„mensch paulus“, das kann auch bedenklich klingen im Blick auf die Zeit vor seinem Damaskus-Erlebnis oder auch wenn wir daran denken, dass er in Bezug auf die Frauen Aussagen gemacht hat, die ihm viele bis heute nicht verziehen haben, wenn sie an die Wirkungsgeschichte dieser Aussagen in der Kirche denken.
„mensch paulus“, das kann auch dankbar gesagt werden, weil er überzeugt nach seinem Gewissen gehandelt hat und sich nicht durch das, was weltlich groß erscheint oder kirchlich einen besonderen Rang einnahm, zu einem faulen Kompromiss verleiten ließ.

Ich weiß nicht, wie Sie Paulus ansprechen, wenn Sie die Worte, die unsrer Ausstellung den Namen gegeben haben sagen: mensch paulus. Ich kann mir auch vorstellen, dass Sie zu manchem, was ich sage, gern ein „Aber“ sagen würden. Das ist schon von daher wahrscheinlich, dass es sehr verschieden Deutungen dieses Menschen Paulus gibt.

Was ich Ihnen vortrage aus meiner begrenzten Kenntnis dieses Mannes, sage ich aus Dankbarkeit dafür, dass es diesen Heiligen gibt, und aus der Überzeugung, dass es gut ist, ihn und seine Schriften zu kennen, weil sie, so alt sie sind, nicht veraltet sind und uns heute eine wertvolle Botschaft sein können. Uns als einzelnen und den christlichen Kirchen. Die Aktualität des Paulus kann sich auch an ungewohnter Stelle zeigen. So hat der Vorstandssitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, um seine gravierenden Fehler und seinen Versuch der Besserung zu deuten, sich beschrieben als Saulus, der zu Paulus geworden ist. Wenn seine Selbst-Deutung ehrlich und realistisch wäre, könnten wir von seinem Wirken manch Positives erwarten.

Biblisch sind die zwei Namen „Saulus-Paulus“ nicht so zuzuordnen, als sei Saulus der Unbekehrte und Paulus der Bekehrte. Paulus wurde durch zwei Kulturen in seiner Heimatstadt Tarsus geprägt: durch sein Elternhaus von der jüdischen Kultur „Schaul-Saulus“ und von der griechischen Kultur, die die Stadt bestimmte „Paulus“.

Unabhängig von den Namen, eine entscheidende Wende hat es im Leben des Paulus gegeben. Es ist uns als das Damaskus-Erlebnis bekannt. Im 9. Kapitel der Apostelgeschichte wird berichtet, wie Paulus voll Droh- und Mordgeschnaube gegen christliche Menschen vorging. Er erbat sich vom Hohenpriester Briefe mit der Vollmacht, nach Männern und Frauen zu suchen, die den Weg Jesu gehen. Sie sollte er gefesselt nach Jerusalem bringen.

Eine interessante Formulierung wird an dieser Stelle der Apostelgeschichte gebraucht, um die Anhänger Jesu zu bezeichnen: „die des Weges“ (9,2; auch 24,14). Das ist wohl eine der ältesten Selbstbezeichnungen der Christen. Jesus ist für sie der Weg. Ihr Leben ist geprägt durch ihr Unterwegssein auf ihr Ziel zu, das Gott ist.

Die Schärfe der Verfolgung der Christen war so lebensbedrohend, dass sie zu Flüchtlingen wurden. Paulus verfolgte die Geflohenen über die Stadt Jerusalem hinaus, so nach Damaskus.
Wenn wir Paulus charakterisieren nach den Aussagen über ihn als einen Mann, der voll Droh- und Mordgeschnaube die Anhänger Jesu verfolgte, können wir ihn als einen religiösen Fanatiker und Fundamentalisten bezeichnen. Bei Fanatikern und Fundamentalisten ist die kritische Vernunft ausgeschaltet. Der Fundamentalist nimmt nur einen eng begrenzten Ausschnitt der Realität wahr. Der Fanatiker ist ohne Empfindung, ohne Mitleid gegenüber denen, die ihn hindern, sein angestrebtes Ziel zu erreichen. Paulus gehörte zu denen, die in ihrem Fanatismus zum Töten bereit sind. Bei der Steinigung des Stephanus heißt es in der Apostelgeschichte: „Saulus aber war mit seiner Hinrichtung einverstanden“ (8,1). Der entscheidende Vorwurf des Stephanus an die, die seinen Tod wollten, war der: „Immer werft ihr euch dem Heiligen Geist entgegen“ (Apg 7,51).

In dieser Aussage ist ja angesprochen, dass Gottes Geist in denen am Wirken ist, die sich ihm entgegenstellen. Wir dürfen uns vorstellen – im Wissen um seine spätere Umkehr –, dass Paulus nicht unberührt geblieben ist im Erleben der Steinigung des Stephanus und vor allem im Erleben der Haltung des Stephanus, der sich durch die Grausamkeit seiner Gegner nicht zu einem Hassenden machen ließ, sondern für seine Mörder betete.

Doch zunächst blieb Paulus der religiöse Fundamentalist, der außer „seiner Wahrheit“ nichts gelten ließ. „Saulus aber suchte die Gemeinde auszumerzen, indem er in die Häuser eindrang, Männer und Frauen herausschleifte und in den Kerker auslieferte“ – so lesen wie in der Apostelgeschichte (8,1-3).

Wie lange sich Paulus dem Drängen des Geistes Gottes „entgegenwarf“ (Apg 7,51), wissen wir nicht. Die Apostelgeschichte schildert die Bekehrung des Paulus als Einbruch der Wahrheit Jesu in sein Leben. Dieses Ereignis ist bildhaft dargestellt. Er hört sich von Jesus gefragt: „Warum jagst du hinter mir her?“ Die Solidarität Jesu mit seinen Schwestern und Brüdern ist damit genannt. Wer sie verfolgt, verfolgt ihn. Paulus erfährt die Wahrheit, die größer ist als er. „Er stürzte zu Boden“ (Apg 9,4). Und er begreift, was Rilke in dem Gedicht „Der Schauende“ beschreibt.

Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß.

Paulus nimmt das Große wahr, und er nimmt es an.

Im Blick auf seine Vergangenheit, in der er die Kirche Gottes verfolgt hat, schreibt er später im 1. Korintherbrief: „Durch Gottes Gnade aber bin ich, was ich bin. Und seine Gnade, die er mir zugewandt, ging nicht ins Leere“. (15,10)

Paulus hat seine schlimme Vergangenheit nie vergessen. Doch er hat Gott richtig verstanden: Gott will nicht, dass wir uns durch Schuld lähmen lassen. Paulus hat die Wahrheit, die Jesus gelebt und verkündet hat, begriffen. Die Begegnungen Jesu mit dem reichen Zöllner Zachäus (Lk 19, 1-10) und mit der Sünderin im Haus des Pharisäers (Lk 7, 36-50) zeigen die von Jesus gelebte Wahrheit: Den Menschen nicht auf Schuld festlegen, sondern helfen, den neuen Weg zu erkennen, zu dem Gott einlädt. Diese Wahrheit hat er verkündet. Ich will sie nur mit einer Stelle belegen. Paulus schreibt im Römerbrief: „Wo aber die Sünde sich gehäuft, nahm die Gnade überhand“ (Röm 5,20).

„mensch Paulus, wenn du so schreibst, schreibst du auch von deinem eigenen Leben.“

Pneumatikoi - Geistliche

Es gibt das schöne indische Begrüßungswort: „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir“. Die Achtung des andern Menschen und in gleicher Weise die Selbstachtung, die in diesem Begrüßungswort zum Ausdruck kommen, sind ganz im Sinne des Paulus. Im Galaterbrief spricht Paulus die Mitglieder an als „Geistliche“ (6,1).

Mir scheint es wichtig, darauf aufmerksam zu machen. Die Institution Kirche ist eine fest gefügte Größe. Sie weist Zuständigkeiten, Titel, Kompetenzen zu, und es besteht die Gefahr, dass damit indirekt denen Qualitäten abgesprochen werden, die nicht einem bestimmten Stand angehören. So wurde das Wort „Geistliche“ den Amtsträgern, den Priestern, den Ordensleuten vorbehalten. Die Sprache hat eine oft nicht wahrgenommene Kraft. Wenn den Laien nicht mehr zugesprochen wird, dass sie „Geistliche“ sind, wirkt sich das aus auf ihr Selbstverständnis und darauf, wie sie von andern gesehen werden. Weil Gottes Geist sich aber nicht an kirchliche Vorgaben hält, können Laien „geistlicher“ sein, als es die sogenannten Geistlichen sind. In manchen Übersetzungen wird spürbar, was den Gemeindemitgliedern von Paulus zugesprochen wird, wenn er sie als Geistliche anspricht. In der Übersetzung von Fridolin Stier werden sie als „Geistgeborene“ angesprochen, in der Zürcher Bibel als „die ihr vom Geist bestimmt seid“, in der „Bibel in gerechter Sprache“ als „ihr von der Geistkraft Bestimmte“.

Wenn Paulus alle Gemeindeangehörigen so hoch einschätzt, besteht weniger die Gefahr des Klerikalismus, der in der Kirche oft und auch heute noch eine Gefahr darstellt. Paulus steht darin Jesus nahe, der nicht wollte, dass die in der Verkündigung und in der Leitung der Gemeinden Stehenden sich Titel zulegen, die sie als andern überlegen ausweisen. Nicht „Rabbi“, denn einer ist unser Lehrer, ihr aber alle seid Brüder und Schwestern. Nicht „Vater“, denn nur einer ist euer Vater – der himmlische (Mt 23, 8 f.). Von einem „Heiligen Vater“, bezogen auf einen Menschen, war damals nicht die Rede.

Dafür, dass Paulus im Sinne Jesu den Weg der Geschwisterlichkeit geht, nenne ich eine Stelle aus dem Römerbrief. Es ist eine Stelle, die leicht überlesen, überhört wird. Paulus schreibt: „Ich sehne mich ja danach, euch zu sehen, um euch zu eurer Festigung an einer geistgewirkten Gnadengabe teilhaben zu lassen, das heißt: ermutigt zu werden in eurer Mitte durch den gegenseitigen Glauben – euren wie auch meinen" (1,11 f.). Zunächst erscheint Paulus in seinen Worten als der Gebende. Er will die Gemeinde teilhaben lassen an einer geistgewirkten Gnadengabe, die er empfangen hat. Das ist zwar nicht großspurig gesagt, doch würde es allein so stehen bleiben, wäre es einseitig: Paulus der Gebende, die Gemeinde die Empfangende. Paulus hat ein Gespür dafür, dass dies für eine gute Begegnung zu wenig wäre. So ergänzt er, korrigiert das Einseitige: „zu eurer Festigung“ und schreibt: „Ich sehne mich, euch zu sehen, um ermutigt zu werden in eurer Mitte durch den gegenseitigen Glauben – euren wie auch meinen“. Das Geschwisterliche, das hier in den Worten des Paulus anklingt, ist darin begründet, dass er in den glaubenden Menschen die Unmittelbarkeit zu Gott gegeben sieht. Diese Überzeugung muss in der Kirche Raum gewinnen. Sonst wird die Aufteilung in „unten“ und „oben“ nicht überwunden. Mir fällt es schwer, eine Papstbotschaft zu lesen, wenn von „Seiner Heiligkeit“ die Rede ist, die uns huldvoll etwas gewährt. Eine solche Struktur, in der sich auch manche Bischöfe und Priester wohlfühlen, bewirkt oder kann bewirken, dass wir, die wir gerufen sind zur Freiheit der Kinder–Gottes–Herrlichkeit (Röm 8,21), uns einem fragwürdigen Gehorsamsprinzip unterordnen.

Der Verlust der Freiheit aber verhindert die Entfaltung. Alles auf eine Form reduzieren, alles uniformieren, wie es beim Militär geschieht (Uni-Form heißt ja: eine Form), passt nicht zur Kirche. Einheit ja, Einheitlichkeit nein!

Paulus und Petrus

Um die Einheit der Kirche, nicht um die Einheitlichkeit ging es bei dem Treffen der Altapostel in Jerusalem mit Paulus. Paulus hat das Evangelium den Heiden verkündet als ein gesetzesfreies Evangelium. Die in die christliche Gemeinde Aufgenommenen wurden nicht auf das jüdische Gesetz verpflichtet, mussten sich nicht der Beschneidung unterziehen. Das löste Unruhe in Jerusalem aus. Paulus wollte den Altaposteln in Jerusalem seine Entscheidung, die er durch eine Offenbarung legitimiert sah, erklären. Der Apostelkonvent, der aus den „Säulen“ in Jerusalem (Jakobus, Kephas, Johannes) und Paulus bestand, ergab die Akzeptanz eines gesetzesfreien heidenchristlichen Evangeliums. Mit dieser Akzeptanz war die Einheit der Kirche gewahrt. Die Praxis der Judenchristen war sehr wahrscheinlich noch so, dass sie die männlichen Kinder beschneiden ließen, auch den Sabbat hielten ... Doch das von den Judenchristen noch beachtete Gesetz war in Bezug auf das Heil nicht mehr als verpflichtend anzusehen. Mit dieser Botschaft kehrten Paulus und Barnabas nach Antiochia zurück.

Mit der Entscheidung des Apostelkonvents waren nicht alle einverstanden. Zum Konflikt kam es, als nach einiger Zeit Petrus nach Antiochia kam. Er nahm am Gemeindeleben teil, zunächst auch an den gemeinsamen Mahlfeiern von Judenchristen und Heidenchristen. Als Leute von „Jakobus“, also von Jerusalem, kamen, zog sich Petrus von den Mahlzeiten mit den Heidenchristen zurück. Dann schlossen sich die andern Judenchristen, auch Barnabas, an. Das bedeutete eine Spaltung der Gemeinde. Die Tischgemeinschaft, die die Eucharistiefeier mit einschließt, war zerbrochen.
Das war für Paulus der Anlass, wie er im Galaterbrief schreibt, Petrus „ins Angesicht entgegenzutreten, weil er sich schuldig gemacht hatte“. Paulus wirft ihm vor die „Furcht vor den Leuten der Beschneidung“. Petrus war durch die Leute aus Jerusalem unter Druck geraten und zur jüdischen Lebensweise, zumindest in der Beachtung der Speisegesetze zurückgekehrt. Für Paulus bedeutet das: Wenn die Heidenchristen die jüdischen Gesetzesvorschriften übernehmen, dann anerkennen sie das Gesetz als heilsrelevante Instanz. Das kann Paulus nicht gelten lassen. Für ihn ist die Rechfertigung allein durch den Glauben an Jesus den Messias gegeben (Gal 2,16). „Auf Grund von Gesetzeswerken wird kein Mensch gerecht" (V.16).

Der „Antiochenische Zwischenfall“ spielt natürlich in der Reformation eine wichtige Rolle. Martin Luther bemerkt dazu: „Item sanct Paul straft sanct Peter als einen Irrigen“. Eine Formulierung von W. Schenk aus dem Jahr 1985 zeigt, dass der Antiochenische Zwischenfall seine Brisanz auch für unsere Zeit noch hat: „Sage mir, wie du mit Gal 2,11 ff. umgehst, und ich werde dir sagen, was für ein Christ du bist“.

Für uns als Mitglieder der römisch-katholischen Kirche liegt die Brisanz heute weniger in dem kontraverstheologischen Spannungsfeld „Glaube und Werke“ oder „Glaube allein“ als in der überwiegend petrinisch geprägten Kirche.

Im Heft zur Ausstellung ist zu lesen: Albert Schweitzer nennt ihn (= Paulus) einmal den Schutzpatron des Denkens im Christentum: „Und alle die meinen, dem Glauben zu dienen, indem sie die Freiheit des Denkens vernichten, tun besser daran, ihm aus dem Weg zu gehen“.

Im Blick die Offenheit, in der Paulus Petrus entgegengetreten ist, weil Petrus sich in einer wichtigen Sache falsch verhalten hat, ist von der katholischen Seite das Wort von Albert Schweitzer zu ergänzen: Es muss das freie Wort in der Kirche geben. Auch dann und gerade dann, wenn der Papst verkehrt handelt. Es darf nicht die durch Amtseide abgesicherte Unterwerfung unter das Wort des Papstes geben. Paulus hat die Freiheit, die uns als Kinder Gottes zusteht, nicht nur verkündet, sondern auch selbst gelebt. Unsere Kirche braucht mehr paulinische Elemente.

„mensch paulus, was würdest Du sagen, wenn Du heute leben würdest?
Wie würdest Du mit Papst Benedikt XVI. reden? Würde er mit Dir reden, wenn Du ihm die Frage stellst, warum er der evangelischen Kirche abspricht, Kirche zu sein? Wenn Du ihn fragen würdest, ob es wirklich Gottes Wille ist, den Armen in Afrika die Kondome zu verbieten und damit beizutragen zur ungehinderten Verbreitung von AIDS?

Der evangelische Pfarrer Clemens Bittlinger hat diese und ein paar andere Fragen in einem Lied an den Papst gestellt. Es ist ein sanftes Lied mit ernsthaftem Inhalt.
Ich lese von dem Lied nur die zwei ersten Zeilen, die Einladung des evangelischen Pfarrers an den Papst, mit ihm ein paar Schritte zu gehen und eine Antwort auf einige Fragen zu bekommen.

Mensch Benedikt, ich möchte gerne ein paar Schritte mit dir gehn,
denn ich hätte zwei, drei Fragen und kann Vieles nicht verstehn.

Es wäre auf jeden Fall besser, von katholischer Seite dieses Lied als Hilfe für die Freiheit des Wortes in der Kirche zu werten, als den evangelischen Pfarrer übel zu beschimpfen und Todesdrohungen gegen ihn auszustoßen, wie es leider geschehen ist.

Mit den Worten von Pfarrer Bittlinger lässt sich auch unser Wunsch aussprechen an Paulus, ein paar Schritte mit ihm zu gehen und Fragen an ihn zu stellen.
Eine Tafel der Ausstellung ist überschrieben mit Worten, die ganz aktuell klingen: „Kopftuch in Korinth“.
Ich nenne zunächst zwei Stellen aus dem 1. Korintherbrief.
Im 14. Kapitel lesen wir: „Wie in allen Versammlungen der Heiligen, sollen die Frauen in den Gemeindeversammlungen schweigen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Unterwerfen sollen sie sich – wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, sollen sie zu Hause ihre eigenen Männer fragen, denn: Schändlich ist es für die Frau, in der Versammlung zu reden. Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder allein zu euch gekommen?" (33b – 36)
Was Paulus hier formuliert, orientiert sich an vorgegebenen Regeln, die einzuhalten damals wie selbstverständlich erschienen, wenigstens den Männern. Das Schweigegebot für die Frau ist natürlich ein klares Signal an die Frau, sich unterzuordnen. Am deutlichsten wird die Zeitbedingtheit dieser Aussagen in dem Satz: „Wenn sie (= die Frauen) etwas lernen wollen, sollen sie im Haus die eigenen Männer befragen“.
Leider hat das Schweigegebot für die Frauen zu einer lange währenden Unterordnung der Frauen in der Kirche geführt. Sie ist bis heute nicht überwunden.

In der zweiten Stelle aus dem 1. Korintherbrief (11, 3-16) geht es darum, dass der Mann beim Beten seinen Kopf nicht bedecken darf. Bei der Frau ist es umgekehrt. Sie gilt als unanständig, wenn sie mit unbedecktem Kopf betet.
Auch hier gibt Paulus Überlieferungen weiter. Er sieht keinen Anlass, daran etwas zu ändern. Bedenklich aber ist sein Versuch, diese Praxis theologisch zu begründen. So lautet seine Begründung, warum der Mann beim Beten nicht den Kopf zu bedecken hat, wohl aber die Frau:
Der Mann ist Gottes Bild und Abglanz (Herrlichkeit).
Die Frau ist Abglanz (Herrlichkeit) des Mannes.

Die Worte „Bild“ und „Abglanz“ verweisen auf den Schöpfungsbericht der Bibel, genauer: auf den ersten Schöpfungsbericht. In ihm heißt es: „Und Gott sprach: Machen wir den Menschen nach unserem Gleichbild und uns ähnlich. Und Gott machte den Menschen nach seinem Gleichbild, nach dem Gleichbild Gottes machte er ihn; als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1, 26-27). Danach sind Mann und Frau in gleicher Weise von Gott erschaffen. Das heißt: Die Frau ist wie der Mann Gleichbild Gottes und ihm ähnlich. Das aber wird ihr in der Argumentation des Paulus verweigert.
Der Grund ist darin zu sehen: Im zweiten Schöpfungsbericht wird zunächst der Mann erschaffen aus Erde und danach die Frau aus der Rippe des Mannes. Diese biblische Darstellung soll zeigen: Beide sind „aus einem Holz geschnitzt“. In einer patriarchalischen Deutung, in der die Männer die Deutungshoheit für sich in Anspruch nehmen, ist der an erster Stelle erschaffene Mann als wertvoller und bedeutender angesprochen. Die Frau kommt erst an zweiter Stelle und besitzt nicht die gleiche Würde wie der Mann.
Sie kennen ja sicher die feministische Deutung, die spöttisch erklärt: „Als Gott den Mann erschuf, übte Sie nur“. Danach wäre Eva der wertvollere Teil, das Meisterstück Gottes.

Wir müssen Paulus nicht als frauenfeindlich einstufen, weil er der Frau in der betrachteten Stelle abgesprochen hat, wie der Mann Abbild Gottes zu sein. Er war geprägt durch eine bestimmte Tradition, aus der er nicht so schnell herauskam. Auch wir sind durch Traditionen geprägt und in manchen Fällen auch behindert und tun uns schwer, uns von ihnen zu lösen. Dass unsere Kirche, vor allem unsre Kirchenleitung, noch nicht frei genug ist, auch Frauen zu Priesterinnen zu weihen, ist ein Beispiel dafür. Wir dürfen hoffen, dass die christlichen Kirchen, die schon Frauen zu Pfarrerinnen und Bischöfinnen ordiniert haben, uns helfen, ebenso diesen Schritt zu tun.

Ich weise noch auf eine Aussage des Paulus im Galaterbrief hin, in der er etwas gutmacht von seiner Deutung, die Frau sei nicht wie der Mann unmittelbar nach Gottes Bild erschaffen. Ich lese die Stelle aus dem Galaterbrief in der Übersetzung der neuen Zürcher Bibel.
„Da nun der Glaube gekommen ist, sind wir keinem Aufpasser mehr unterstellt. Denn ihr seid alle Söhne und Töchter Gottes durch den Glauben in Christus Jesus. Ihr alle nämlich, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus“ (3,25-28).
An dieser Stelle ist die Sprache des Paulus geprägt von der Freiheit, die er aus der Begegnung mit Jesus dem Messias erfahren hat. Anders als im 1. Korintherbrief, wo es darum geht, Frauen zu kritisieren, die durch ein ungewohntes, freieres Verhalten die störten, die lieber die unterwürfige und unmündige Frau in der Kirche wollten. Jesus selbst war kritisch gegenüber
Traditionen, die nicht mehr dem Leben dienten. Ich lese die Stelle aus dem Markus-Evangelium, die in der Verkündigung unsrer Kirche, die häufig von verpflichtenden Traditionen spricht, nicht so häufig zu hören ist: „Fahren lasst ihr Gottes Weisung, aber ihr haltet der Menschen Überlieferung. Trefflich erledigt ihr Gottes Weisung, um eure Überlieferung zu wahren. Und so entmachtet ihr Gottes Wort durch eure Überlieferung, wie ihr sie überliefert habt“ (Mk 7,8.9.13 ; Übersetzung Fridolin Stier).

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hat mit folgenden Worten eingeladen, dem von Papst Benedikt XVI. ausgerufenen „Paulusjahr“ unsere Aufmerksamkeit zu schenken: „Machen wir uns gemeinsam mit dem Apostel Paulus auf den Weg!“ Paulus beschreibt diesen Weg, auf dem sich uns die Wahrheit Gottes erschließt, mit dem Worten: „Jetzt ist die Rettung uns näher, als da wir glaubend wurden“ (Röm 13,11). Es lohnt also, einen solchen Weg zu gehen. Die Ausstellung mensch paulus erscheint mir als ein guter Beitrag, Interesse zu wecken an Paulus. Das ist auch meine Absicht gewesen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Kurt Sohns

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