Hl. Stephanus

Spiritualität

Impulse für den Alltag


Hl. Paulus
• Skulpturen im Hof von St. Paul • Künstlerin: Inge Schmidt • Fotos: Martin Böttcher •

 

Wenn Engel
einen Menschen beobachten,
der doch das Gute ehrlich will
trotz seiner Schwachheit,
so kommen sie eilig,
um weiterzuhelfen.

Sören Kierkegaard

 

Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit!
Schon sinkt die Welt im Nacht und Dunkelheit.
Geh nicht vorüber, kehre bei uns ein.
Sei unser Gast und teile Brot und Wein.

Peter Gerloff

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Ein Wort, das mir viel bedeutet

Altarbild, fotografiert während des Gemeindeausflugs 2011

 

Alle Tugend verlangt Ausdauer.

Katharina von Siena


Wem "Ein Wort, das mir viel bedeutet" gefällt und wer selbst einen Text hat,
der ihm etwas bedeutet und den er gerne mit anderen teilen möchte,
ist herzlich eingeladen, diesen (gerne auch mehrere) im Pfarrbüro abzugeben.
Wir werden ihn dann zu gegebener Zeit im Pfarrbrief veröffentlichen.

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Lasst uns scharf darauf sehen, welchen Weg wir gehen

Im alttestamentlichen Buch der Sprüche finden wir eine interessante Aussage über die Weisheit: „Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, behauen ihre sieben Säulen“ (Spr 9,1). Das Wort Weisheit ist wenig zu hören, vielleicht darum, weil heute andere Haltungen höher im Kurs stehen und das Leben bestimmen. Doch es ist notwendig, dass wir uns immer wieder auf die im Bibelwort genannten Säulen besinnen. Das Fundament unseres Lebens muss tragfähig sein. Am Ende der Bergpredigt nennt Jesus den verständig, der sein Haus auf Fels, auf tragfähigen Grund gebaut hat, so dass das Haus von den Winden, den Wassern nicht zerstört werden kann“ (Mt 7, 24 f.).
Das Erschrecken Vieler über das Ergebnis der Bundestags-Wahl, über die Vielen, die AfD gewählt haben, obwohl ein mit dem Christ-Sein und der Achtung der Menschenwürde nicht zu vereinbarer Hass auf Flüchtlinge in dieser Partei beheimatet ist, könnte Anlass werden, scharf darauf zu sehen, dass ein solcher Weg ein Irrweg ist und nicht durch Gleichgültigkeit und Blindheit als gesellschaftsfähig toleriert werden kann.

Auch im Christentum lassen sich sieben Säulen aufzeigen, die von entscheidender Bedeutung für das Gelingen des Lebens sind. Das Wort, mit dem sie charakterisiert sind, lautet „Tugend“. Leider hat das Wort „Tugend“ seinen guten Klang, seine Dynamik verloren. Der ursprüngliche Sinn des Wortes „Tugend“ ist aber Tüchtigkeit, Kraft, Tauglichkeit. Die sieben Tugenden, die zur Tauglichkeit eines christlichen Menschen gehören, sind die drei „göttlichen Tugenden“: «Glaube, Hoffnung, Liebe» und die vier „Kardinaltugenden“, die schon die griechischen Philosophen in ihrem Wert erkannt hatten: «Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigkeit».
Vom Biblischen her ist Glaube zu verstehen als das Sich-fest-Machen an Gott. Damit unser Glaube gelingt, werden wir im Hebräerbrief ermutigt: „Mit Ausharren lasst uns den vor uns liegenden Kampf anlaufen und hinblicken auf des Glaubens Führer und Vollender: Jesus“ (12,2). Die zweite göttliche Tugend ist die Hoffnung. Der auf Gott hoffende Mensch erwartet von Ihm, dass Er ihm hilft, dass sein Leben gelingt und dass Er für ihn die Erfüllung all seiner Sehnsucht ist. In diesem Vertrauen spannt sich der hoffende Mensch mit all seiner Kraft auf ein Ziel aus, das für ihn nicht greifbar ist, das er aber erahnt und von dem er nicht loskommt, weil die Verheißung Gottes schon als Tragkraft wahrgenommen werden kann. Die dritte göttliche Tugend ist die Liebe. Jesus beschreibt im Blick auf die schon immer geltende göttliche Weisung die Liebe zu Gott und den Menschen als das Höchste.
Die vier Kardinaltugenden sind die Grundhaltungen, die das ethische Leben des Menschen tragen: die Klugheit, die Gerechtigkeit, die Tapferkeit, die Mäßigkeit. Der Philosoph Josef Pieper beschreibt die vierte Kardinaltugend, die Mäßigkeit, mit dem Doppel-Ausdruck „Zucht und Maß“, um zu verhindern, in ihr nur eine Abstinenz zu sehen, und um deutlich zu machen, wie jede der genannten Tugenden etwas mit dem dynamischen Leben zu tun hat. Der Theologe Herbert Vorgrimler weist darauf hin: „Die Inhalte dieser Lehre kommen im Zusammenhang mit den aktuellen Problemen der Wertedefizite und der Orientierungssuche neu zur Geltung“.

Wie sehr brauchen wir Politiker, die in kluger Weise Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen sie über die Wahl hinaus verantworten können. Wie sehr brauchen wir in der Wirtschaft, in den Banken, unter den Millionären und Milliardären Menschen, für die Gerechtigkeit ein ihr Leben prägendes Leitmotiv ist und nicht Eigennutz, Profit, Habgier ihr Leben bestimmen. Wie sehr brauchen wir tapfere Menschen, die nicht den bequemen Weg gehen, die ihr Fähnchen nicht nach dem Wind drehen, sondern verlässlich sind, auch wenn sie von der Mehrheit verlassen oder gar verachtet werden. Wie sehr brauchen wir Menschen, die nicht Opfer des Konsums sind, deren Leben nicht auf das Haben-Müssen ausgerichtet ist, Menschen, die vielmehr begreifen, dass uns allen im Großen und im Kleinen die Bewahrung der Schöpfung anvertraut ist und natürlich der Mensch selbst, damit er nicht im Verlust der Mitte sein Ziel, zu dem er gerufen ist, verfehlt.
„Blickt also scharf darauf, welchen Weg ihr geht – als Weise, nicht als Unweise. Kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse. Darum seid nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist“ (Eph 5,15-17).

Wenn wir im Gottesdienst das Lied singen: „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt“, sind mir die darauf folgenden Worte eine Ermutigung für meinen Weg: „Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, die dein Fuß gehen kann“. Es kann sein, dass Menschen von uns erwarten, dass wir diese Ermutigung an sie weitergeben.

Kurt Sohns

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- Bildbetrachtung -
Gottesdienst während der Diözesan-Mitgliederversammlung von pax christi
auf dem Jakobsberg am 20.04.2013

In seiner Mächtigkeit

Fischzug, Künstler: Herbert SeidelAuf unserem Bild ist ein Fischfang dargestellt. Drei Männer sind unter Einsatz all ihrer Kräfte damit beschäftigt, das Netz einzuholen. Das Boot, in dem die Männer stehen, ist nur angedeutet. Es sieht aus, als sei es zu klein für die Menge der eingefangenen Fische.
Der Größe des Fangs und des Netzes entsprechend erscheint nur die große Gestalt im Hintergrund des Bildes. Ihre zwei mächtigen Arme halten das Netz. Sie halten es kraftvoll und wie mühelos in einer harmonischen Bewegung, gegen die das angestrengte Tun der drei Männer ohnmächtig und eher verkrampft wirkt.

Wir könnten einige Aussagen des Evangeliums im Blick auf dieses Bild meditieren.

Auf die Aussage vom erfolglosen Mühen der Jünger folgt im Evangelium die Feststellung: Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Obwohl sie ihn nicht erkannten, wird durch seine Begegnung (mit ihnen) ihre Lage verändert. Es ist, als würden sie jetzt in einer neuen, ganz anderen Mächtigkeit als bisher handeln.

Wichtig zu bemerken ist sicher: Die Nähe des Herrn ersetzt nicht ihr Tun. Doch durch seine Nähe wird alles anders. Was vorher unmöglich war, wird jetzt möglich; doch sie haben ihre Kraft einzusetzen. Was sie erreichen, ist ganz das Ergebnis ihres Einsatzes; zugleich ist es aber etwas, das sie aus Eigenem gar nicht erreichen können. Dieses Umfasstwerden durch das Unfassbare, dieses Bestärktwerden in der eigenen Unfähigkeit, dieses Aufgehen des göttlichen Wirkens im menschlichen Tun ist gut im Bild dargestellt: im Rücken der Männer geschieht der große Einsatz, der ihren Einsatz gelingen lässt.

Wenn etwas gelingt, was wir durch Einsatz all unserer Mittel nicht schaffen können, wenn sich in unserem Leben etwas ereignet, das wir nur glücklich bejahen, aber nicht erklären können, dann gebrauchen wir mitunter, um es zu kennzeichnen, das Wort "Gnade". Es drückt das Glück des Beschenktseins aus und das Vertrauen auf eine tiefgreifende Geborgenheit. Eine solche Erfahrung ist für die Jünger der Fischfang, und Ausdruck dieser sie überwältigenden Erfahrung ist der Ausruf des Jüngers, der sich geliebt weiß: Es ist der Herr! Kennzeichnend für die Betroffenheit der Jünger ist es, dass Petrus sich ins Wasser wirft, um möglichst schnell bei Jesus zu sein. (Ein ekstatisches Tun, das durch Vernunft nicht zu erklären ist. Es erinnert an den ekstatisch vor der Bundeslade tanzenden David, der sich den Vorwurf des Überspannt-Seins gefallen lassen muss.)

Auf unserem Bild ist die Reaktion der Jünger nicht dargestellt. Zu sehen ist nur diese Geborgenheit vermittelnde Kraft, aus der heraus der Mensch fähig wird, sich loszulassen und im Herausgehen aus der eigenen Enge Sein Wesen tiefer zu erleben, was ohne die Erfahrung des Du nicht gelingen kann.

Der Bericht des Evangeliums findet seinen Abschluss im Mahl, das Jesus mit den Jüngern hält. Hier treffen wir auf die geheimnisvolle Beschreibung der die Jünger so tief betreffenden Nähe des Herrn, die zugleich unfassbare Nähe ist, beglückende Vertrautheit und zugleich Ehrfurcht vor dem nicht zu erfassenden Geheimnis des Anderen. So wird es beschrieben: "Keiner von den Jüngern wagte, ihn zu fragen. Wer bist du? -, wussten sie doch, dass es der Herr war". Da wird von einem Wissen geredet, das nicht verfügendes Wissen ist und das auch nicht in Richtung größerer Verfügungsmacht ausgeweitet werden soll. Die das Rationale überschreitende Erfahrung: Er ist da; aus seiner Nähe ist Gemeinschaft möglich, und diese Gemeinschaft ist Leben, diese Erfahrung ist genug. Was da gemeint ist, lässt sich auch aus unserem Bild erkennen. Der Künstler hat das Gesicht des großen Unbekannten nur angedeutet, nur im Umriss dargestellt. Es ist voll Licht; das Licht geht von ihm aus. Alles gerät dadurch ins Licht.

Wenn ich einer dieser Menschen im Boot bin, welche Erfahrung habe ich schon gemacht mit der unverfügbaren, aber alles ermöglichenden Nähe des Herrn? Welche Hoffnung lebt in mir, ihn tiefer zu erfahren, ihn so zu erfahren, dass mein Leben an Tiefe gewinnt?

Joh 21, 1-13
3. Sonntag der Osterzeit

Bild: Herbert Seidel, Fischzug

Kurt Sohns

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- Besinnung -
Feierstunde zu 15 Jahren Ökumenische Hospiz-Bewegung Offenbach
Rathaus, 29. April 2013

Mit dem Sterben vertraut werden

Wer in den Pfarrhof von St. Paul kommt, geht auf zwei große Bronzefiguren der Offenbacher Künstlerin Inge Schmidt zu. Die linke Figur stellt den frühchristlichen Märtyrer Stephanus dar, die rechte Figur den Namengeber unserer Gemeinde, den heiligen Paulus. Stephanus ist sterbend dargestellt. Sein Sterben ist nicht geprägt von Verzweiflung, sondern von einer großen Perspektive: „Da! Ich sehe die Himmel offen“ (Apg 7,56). Ich wünsche mir für das eigene Sterben eine so befriedigende Erfahrung.

Ich überfliege mit den Augen manchmal die Todesanzeigen in einer Zeitung. Das Sehen ist oft mit einem Gebet verbunden. Und ich bin froh, wenn es viele Todesanzeigen mit einem christlichen Symbol oder dem Symbol einer anderen Religionsgemeinschaft gibt. Ich weiß, dass sich daraus auf den Glauben der Verstorbenen nicht allzu viel schließen lässt. Dennoch ist ein Hoffnungszeichen da, der verstorbene Mensch und seine Angehörigen seien nicht ohne einen Gedanken an Gott, nicht ohne Hoffnung auf Geborgenheit in Gott am Ende dieses Lebens gewesen. Die Hoffnung, die ich für diese Menschen habe, habe ich auch für mich selbst. Irgendwann ist mir bei dem Christusgebet, das am Anfang des Exerzitienbuches von Ignatius von Loyola steht, bei dem Gebet „Seele Christi, heilige ich“, die Bedeutung der Bitte aufgefallen: „In hora mortis meae voca me! – In der Stunde meines Todes rufe mich!“ Ich habe den Wunsch, nicht ins Nichts hinein zu sterben. Es ist die Hoffnung, das irdische Leben aufgeben zu können in der Zuversicht, in ein größeres, geheimnisvolles Leben aufgenommen zu werden. Oswald von Nell-Breuning hat bei der Feier seines 100. Geburtstags den Wunsch nach einer „seligen Sterbestunde“ ausgesprochen: „der ich mit großer Erwartung entgegensehe“. Ich habe diese Worte des gläubigen Sozialwissenschaftlers schon bei manchen Beerdigungen und Trauerfeiern zitiert, weil ich sie als wertvoll für meinen eigenen Glauben ansehe und hoffe, sie können auch anderen Hilfe sein.

Eine große Hoffnung für das Sterben, ein Vertraut-Werden mit dem Sterben kann sich auch in Lebensperspektiven ausdrücken, die nicht in einer religiösen Sprache beschrieben werden. Ich denke an die Erfahrung mit einem Lied, dessen Text von Hermann Hesse ist. „Sonne leuchte mir ins Herz hinein.“ Wir haben es im Zeltlager oft gesungen. Ich fand es schön. Jahrzehnte später hat sich mir beim Radfahren im Urlaub eine vorher unbedachte Perspektive erschlossen. Plötzlich fiel mir beim Fahren mit Sonne und Wind das Lied ein: „Sonne leuchte mir ins Herz hinein, Wind verweh mir Sorgen und Beschwerden“. Erst langsam hat sich der ganze Text zusammengefügt, auch die letzte Strophe, die mit dem Sterben zu tun hat. Sie lautet: „Und so soll mir jeder neue Tag neue Freunde, neue Brüder weisen, bis ich leidlos alle Kräfte preisen, aller Sterne Gast und Freund sein mag“. Hesse hat hier das Sterben nicht als einen Abbruch des Lebens ins Nichts gedeutet. Er hat Gott nicht genannt, doch er hat den höchsten Wert des irdischen Lebens in der freundschaftlichen Begegnung von Menschen gesehen und die Erfüllung des irdischen Lebens in der Leidlosigkeit und dem Vertraut-Sein mit dem, wofür die Sterne Symbol sind. „Gast und Freund sein“ ist Hesses Wunsch. Das erinnert an die Jesus-Worte, er werde uns vorausgehen, uns einen Platz zu bereiten. Wenn Jesus davon spricht, will er uns vertraut machen mit dem zukünftigen Leben. Er will uns auch die Angst vor dem Sterben nehmen, vor einem zukunftslosen Sterben. Seine Worte: „Lasst euch das Herz nicht durcheinanderbringen. Glaubt ihr an Gott? So glaubt auch an mich! Im Hause meines Vaters sind viele Bleiben. Wenn nicht, hätte ich dann zu euch gesprochen: Ich gehe hin, euch einen Platz zu bereiten? Damit: Wo ich bin, auch ihr seid“ (Joh 14, 1-2.3. Schlusswort). In dieser Übersetzung des Evangeliums von Fridolin Stier ist nicht das Wort „Wohnung“ gebraucht, sondern „Bleibe“. Im Gegensatz zu dem Vorläufigen und Begrenzten des irdischen Lebens ist das ewige Leben nicht bedroht von einem Aufhören, von dem Verlust von Zugehörigkeit.

Wenn ich biblische Worte zitiere oder andere Texte, die mit dem Sterben zu tun haben, dann sind es Texte, die für mich Bedeutung hatten und haben, weil sie mich zwar ans Sterben erinnern, doch mir die Hoffnung geben, mein Leben müsse nicht in Verzweiflung enden. Mit dem Sterben vertraut werden, damit soll nicht gesagt werden, wir könnten uns dagegen absichern, dass das Sterben schwer sein kann. Selbst Jesus ist nicht leicht gestorben. Sein Sterben war nicht nur belastet durch die physischen Schmerzen. Was ihn dazu gequält hat, waren die Halbherzigkeit seiner engsten Vertrauten, die ihn nicht verstanden, der Verrat, das Verleugnen der Freundschaft, das aus ihrem Kreis kam.

Die Angst, der Mitleidlosigkeit, der Gleichgültigkeit ausgesetzt zu sein, quält heute viele Menschen, wenn sie an ihr Sterben denken. Viele sterben verlassen, im Bewusstsein, niemandem mehr wertvoll zu sein, von niemand noch geliebt zu werden. Hier ist die Hospizbewegung von unschätzbarem Wert. Sie ist eine Antwort auf die Sehnsucht der Menschen nach Zuneigung, in einer Zeit, die erschreckend stark vom Geld, vom materiellen Konsum, vom egoistischen Umgang mit Menschen, vom Herrschen über Menschen bedroht ist. Unserer Gesellschaft fehlen Pflegekräfte in großer Zahl, vor allem weil der Dienst am kranken, am behinderten, am alten Menschen zwar als notwendig erkannt wird, aber in der sozialen Achtung an unterer Stelle steht. „Wir leben in ständiger Gefahr, uns auf das Sicht- und Greifbare zu beschränken. Doch dies ist der kürzeste Weg in Blindheit und Handlungsunfähigkeit. Öffnen wir die Augen und die Herzen und wirken mit an der Zusammenführung, Pflege und Verbreitung eines vereinten Menschenverstandes!“ – schreibt Thomas Druyen in seinem Buch „Krieg der Scheinheiligkeit“.

„Öffnen wir die Augen und die Herzen!“ Diesen Anruf müssen vor allem die hören, die sich an Jesus orientieren. Er hat seine Kraft dafür eingesetzt, für die Wahrheit Zeugnis zu geben (Joh 18,37). Es war seine Antwort auf die Frage des Pilatus: „Also bist du doch ein König?“ Jesus antwortete: „Ich bin ein König. Ich – ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeuge. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme“.

Jesus hat nicht abstrakt von der Wahrheit gesprochen. Er hat, was Wahrheit ist, durch sein Leben ausgelegt. In der Auslegung der von ihm gelebten Wahrheit kommt das Wort „König“ nicht vor. Als die Jünger darum stritten, wer den Vorrang vor dem anderen hat, sagt er: „Ihr wisst, die als Anführer der Völker gelten, herrschen auf sie herunter, und ihre Großen lassen sie ihre Vollmacht spüren. Bei euch aber ist es nicht so! Sondern: Wer ein Großer bei euch werden will, sei euer Diener. Und wer bei euch erster sein will, sei aller Knecht. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösepreis für viele“ (Mk 10, 42-45).
Er war ein Großer, ein König, weil er die Wahrheit bezeugte, dass jeder Mensch königlich ist, weil er Kind Gottes ist. „Das ist das größte Böse“ heißt es in der jüdischen Mystik, „wenn du vergisst, dass du ein Königskind bist“. Das hat Wilhelm Willms in seiner Betrachtung vom Christkönigsfest meditiert:

jeder mensch ist ein könig
nicht so
dass jeder über jeden herrsche
sondern so
dass jeder jeden erlöse
frei mache
froh mache
zum könig mache
zum menschen mache

Vielleicht erscheinen Ihnen diese Darlegungen zu weit entfernt vom Gedanken, mit dem Sterben vertraut zu werden. Für mich sind sie eine Brücke dazu. Die Angst vor dem Sterben, die wir vielleicht selbst schon kennen und erlitten haben, ist wesentlich mitbestimmt von der Begegnung mit Menschen, ob sie in erlösender oder beherrschender Weise mit uns umgehen, ob sie mitfühlende oder herzenskalte Menschen sind, ob wir für sie nur noch namenlose Nummern sind, wie es in den Konzentrationslagern mit Menschen gemacht wurde, oder Menschen, die Gott beim Namen gerufen hat.

In einer Erzählung aus dem Evangelium erfährt Jesus vor seinem Leiden, vor dem Versuch seiner Gegner, ihn zu entwürdigen, ihn zu vernichten, eine wunderbare Bejahung. Eine Frau salbt ihn mit einem kostbaren Öl. Einige entrüsten sich: Man hätte das Öl doch verkaufen und den Erlös den Armen geben können! Jesus entgegnet: „Was kränkt ihr diese Frau? Ein gutes Werk hat sie an mir gewirkt.“ Wie hoch im Evangelium dieses zärtliche Handeln eingeschätzt wird, zeigen die Worte Jesu: Wo auch immer die Heilsbotschaft verkündet wird, da wird auch besprochen, was diese Frau getan hat. Ihr zum Gedächtnis. Wenn Jesus gegen den Vorwurf von „einigen“ – so heißt es im Markus-Evangelium (14,4), im Matthäus-Evangelium sind sogar die Jünger genannt (26,8) – das Tun der Frau ein gutes Werk nennt, das sie an ihm gewirkt hat, und es deutet: „Im Voraus hat sie meinen Leib zum Begräbnis gesalbt“, dann dürfen wir annehmen, dass dieses Erlebnis Jesus in seinem Leiden und Sterben begleitet hat und ihn darin bestärkt hat, kein Hassender zu werden, sondern ein Liebender zu bleiben, der fähig war, Gott darum zu bitten, denen, die ihn peinigten und töteten, die Schuld nicht anzurechnen: „Sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34).
Wenn Jesus so erlebt wird, dass er, der Grausamkeit ausgesetzt, noch ein Herz hat für die, die ihn verurteilen und töten, dann weil er nicht im Bereich des Todes befangen war. Im 1. Johannes-Brief wird die Kraft, so zu leben, „Lieben“ genannt (3,14).

Wir können uns fragen, ob wir bei Jesus dem „Vertraut-Werden mit dem Sterben“ begegnen. Erschreckend ist der im Matthäus-Evangelium und im Markus-Evangelium überlieferte Schrei Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27, 46; Mk 15,34) Der Schrei Jesu darf nicht verharmlost werden. Er darf aber auch nicht als das „Aus“ der Gottesbeziehung Jesu verstanden werden. Der in der Ausweglosigkeit Fragende wendet sich an Gott und erfleht von Ihm eine Antwort. Hätte er diese Antwort nicht von Gott erhalten, dann wären die im Lukas-Evangelium überlieferten Worte Jesu nicht möglich gewesen: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist“ (23,46).

Ob wir an das Sterben Jesu denken oder an unser eigenes, es ist gut, uns an die Wahrnehmung der Wirklichkeit erinnern zu lassen, wie der Theologe Hans Urs von Balthasar sie beschreibt: „Alle Dinge kann man doppelt betrachten: als Faktum und als Geheimnis“. Das Faktum am Sterben Jesu ist die grausame Zerstörung seines Lebens. Mehr sehen seine Gegner nicht. Das Geheimnis, das ihnen verborgen blieb, war das Erfüllen seiner durch Gott ihm aufgetragenen Sendung: Das Zeugnis, dass Gott die Menschen nicht verloren sein lässt in ihrer Grausamkeit, ihrer Habsucht, ihrem ungerechten, egoistischen Handeln.

Es ist im Blick auf unser eigenes Sterben erlösend, daran glauben zu dürfen. Erlösend heißt nicht „leid-los“. Erlösend ist die Perspektive, im Zerbrechen des Lebens an ein Ganz-Werden in Gott glauben zu können.

Die in einer tiefgläubigen jüdischen Familie aufgewachsene, später katholisch gewordene Philosophin Edith Stein fand im Karmel ihre Heimat. 1942 wurde sie in der Judenverfolgung in einem Konzentrationslager ermordet (wahrscheinlich im August 1942). Sie hatte schon Jahre vorher in ihrem Testament geschrieben, sie sei bereit, jede Todesart glaubend anzunehmen. In einem Gebet hat sie diese Bereitschaft zum Ausdruck gebracht. „Mach alles wahr, wie Du es planst in Deinem Rat. Wenn still Du dann zum Opfer mahnst, hilf auch zur Tat! Lass übersehen mich ganz mein kleines Ich, dass ich, mir selber tot, nur leb für Dich!“

In diesem Gebet ist im Blick auf das Sterben die Bitte an Gott gerichtet, so zu leben, dass immer mehr Gott zählt. Das eigene Leben soll immer mehr darauf gerichtet sein, was in den Augen Gottes wertvoll ist. Die Bitte: „Lass übersehen mich ganz mein kleines Ich“ wird für Menschen, die in den Augen der Welt groß sein wollen, eine nicht nachvollziehbare Bitte sein. Jesus hat es mit seinen Jüngern erlebt. Sie wollten groß sein. Sie wollten die ersten Plätze einnehmen. Das Anliegen Jesu sieht anders aus. Er beschreibt es so: „Ich bin gekommen, dass sie Leben haben, Leben in Fülle“ (Joh 10,10). Leben in Fülle kann aber kein egoistisches Leben sein. Als das Sterben Jesus und seinen Jüngern ganz nahe war, konnte er in aller Angst seinen Dienst am Leben als die stärkste Kraft oder den höchsten Wert erkennen und zu Gott sagen: Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe (Lk 22,42). Soweit waren die Jünger noch nicht. Sie ließen Jesus in dieser Stunde allein.

Die Evangelien sind ehrliche Zeugnisse. Sie zeigen uns keine geschönte Welt. Sie idealisieren die Jünger Jesu, die auch die Schüler Jesu genannt werden können, nicht. Sie zeigen sie uns in einem Zustand, der nicht als „vertraut mit dem Sterben“ bezeichnet werden kann. Sie zeigen sie uns aber auch als „noch auf dem Weg“. Das ist für uns tröstend, wenn wir spüren: Auch wenn ich noch nicht so weit bin, ich bin auf dem Weg. Ich verdränge nicht den Gedanken ans Sterben. Ich bin dankbar für Zeugnisse von Menschen, die vertraut waren oder die vertraut sind mit dem Sterben.

Ich zitiere aus einem Gedicht von Teresa von Avila (1515-1582), das viele kennen, vielleicht ohne dabei ans Sterben zu denken. Doch das Sterben ist genannt mit den Worten: „Alles vergeht“. Das Vergehen aber wird aufgefangen mit den Worten: „Gott ändert sich nicht“ und: „Wer sich an Gott hält, dem fehlt nichts. Gott allein genügt“.

Das Gedicht ist nicht geschrieben aus einer leidlosen Welt, sondern aus der Erfahrung einer bedrängenden Welt, in der Teresa aber sucht nach dem, was Bestand hat. Aus dem Suchen ist ein Finden geworden. Sie will im Mitteilen ermutigen, sich nicht mit dem Vorläufigen abzufinden. So lautet das Gedicht:

Nichts verwirre dich,
Nichts erschrecke dich,
Alles vergeht,
Gott ändert sich nicht.
Die Geduld
Erreicht alles.
Wer sich an Gott hält,
Dem fehlt nichts.
Gott allein genügt.

Um mit Teresa von Avila überzeugt zu sein von ihrer Aussage: „Gott allein genügt“, dazu bedarf es einer tiefen Erfahrung mit Gott. Tief bedeutet nicht auffallende Eigenschaften besitzen, große Besonderheiten, die von anderen bestaunt werden. Paulus schreibt im 1. Korinther-Brief: „Wer von den Menschen kennt die Sache des Menschen – es sei denn der Geist des Menschen in ihm? So hat auch die Sache Gottes niemand erkannt – es sei denn der Geist Gottes. Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was Gott uns gnadenhaft schenkt. – Der Mensch, der dahinlebt, nimmt die Sache des Gottesgeistes nicht auf; denn Aberwitz ist sie ihm. Und nicht vermag er sie zu erkennen, weil sie – vom Geist bestimmt – zu prüfen ist“ (1 Kor 2,10-12.14).

Ich zitiere noch einmal diese keineswegs eine Selbstverständlichkeit ausdrückenden Worte des Paulus: „Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was Gott uns gnadenhaft schenkt“. Wenn wir wenigstens ahnen, was Gott uns gnadenhaft schenkt, dann wird es uns möglich sein, im Wissen, dass wir den Schatz, den Gott uns schenkt, in irdenen Gefäßen haben, zuversichtlich unserem oft zagenden Herzen zu sagen: „Gott allein genügt“. Christoph Schlingensief hat – dazu im Widerspruch – seinem als Buch erschienenen „Tagebuch einer Krebserfahrung“ den Titel gegeben: „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“ Wo ist unser Platz zwischen diesen extremen Aussagen von Teresa von Avila und von Schlingensief? Die Antwort ist entscheidend für unser Vertraut-Werden mit dem Sterben.

Wer nach biblischen Zeugnissen für ein Vertraut-Sein mit dem Sterben sucht, findet in der Erzählung vom greisen Simeon, der dem Kind Jesus begegnet, das von seinen Eltern in den Tempel gebracht wurde, um es Gott zu weihen, ein wertvolles Beispiel. Simeon wird beschrieben: „Der Heilige Geist ruhte auf ihm“ (Lk 2,25). Er entspricht dem Menschen, der nicht oberflächlich dahinlebt, sondern mit Gottes Geist erfüllt ist und darum wahr nimmt, was Gott gnadenhaft schenkt (1 Kor 2,14). Sein Gebet, als er dem Kind Jesus begegnet, ist ins liturgische Abendgebet (Komplet) der Kirche aufgenommen worden. – Ich lese es in der „Neuen Genfer Übersetzung“ (NGÜ):

„Herr, nun kann dein Diener in Frieden sterben
denn du hast deine Zusage erfüllt.
Mit eigenen Augen habe ich das Heil gesehen,
das du für alle Völker bereitet hast –
ein Licht, das die Nationen erleuchtet,
und der Ruhm deines Volkes Israel.“

Simeon kann dem Sterben mit Gelassenheit entgegensehen, denn er hat das Heil Gottes gesehen, er hat das Heilswirken Gottes wahrgenommen. – Diese Erfahrung ist nicht auf ihn beschränkt. Sie ist uns allen möglich. Es gilt ja die Zusicherung Jesu: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17,21).
Wenn wir im Vater-unser beten: „Dein Reich komme“, richtet sich die Bitte auf die endgültige Vollendung der Welt. Doch diese Vollendung beginnt schon in der Menschheitsgeschichte. Dafür steht dieses Wort Jesu: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“. – Ich nenne zwei Beispiele für Reich-Gottes-Erfahrung.

Als Jesus von seiner Wiederkunft in Herrlichkeit sprach, sagte er: „Amen, ich sage euch: Es sind einige der hier Stehenden, die den Tod nicht kosten werden, bis sie schauen das Reich Gottes, gekommen in Kraft“ (Mk 9,1). Unmittelbar darauf nimmt Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen hohen Berg und wird vor ihren Augen umgestaltet, verklärt (V.2). Die Jünger erleben an Jesus den verklärten Menschen. An ihm wird erkennbar das am Menschen erscheinende Reich Gottes. „Die Kirche hat die Verkündigung des Reiches Gottes fortzuführen, die Möglichkeiten, die konkrete Praxis des Reiches Gottes auch in kleinen und kleinsten Verhältnissen auszuüben, darzustellen und die Hoffnung auf die Erscheinung des bleibenden universalen Reiches Gottes lebendig zu erhalten“ (Herbert Vorgrimler).

Ein zweites Beispiel für das verwirklichte und erfahrbare Reich Gottes ist die arme Witwe, wie Jesus sie erlebt. Jesus sieht, wie viele reiche Menschen viel Geld in den Opferstock einwerfen. Dann sieht er eine arme Witwe, die zwei Kleinmünzen, alles, was sie besaß, in den Opferkasten einwarf. Diese Erfahrung ist für Jesus so bedeutend, dass er seine Jünger zu sich ruft. Sie sollen lernen, was wirklich zählt im Leben, was wirklich zählt vor Gott, die Verwirklichung der neuen Welt, auch in den kleinsten Dimensionen, auch durch die einfachsten Menschen.

Wenn wir uns fragen, wo wir das Vertraut-Werden mit dem Sterben am ehesten vermuten: bei der armen Witwe, die alles, was sie hatte, weggeben konnte, oder bei dem jungen Mann, der Jesus fragte, was er tun solle, um das ewige Leben zu erlangen. Jesus spürt, er kann nur frei dafür werden, wenn er seinen Besitz aufgibt zu Gunsten der Armen. Als der diese Worte hörte, ging er betrübt weg von Jesus, denn er hatte viele Güter. Wer ist vertrauter mit dem Sterben: die arme Witwe oder der reiche Mann? Die Antwort, die Jesus gibt, ist eindeutig: Ein Reicher, einer, der viel hat, wird schwer hineingehen ins Reich der Himmel (Mt 19,23).

Erich Fromm schreibt in seinem Buch „Haben oder Sein: „In dem Maße, in dem wir im Habenmodus leben, müssen wir das Sterben fürchten... Die Bekämpfung der Angst vor dem Sterben sollte ein Teil des ständigen Bemühens sein, immer mehr vom Haben- in den Seins-zustand überzugehen. Der Weise denkt über das Leben nach und nicht über den Tod, sagt Spinoza. – Die Anleitung zum Sterben ist in der Tat dieselbe wie die Anleitung zum Leben. Je mehr man sich des Verlangens nach Besitz in allen seinen Formen und besonders seiner Ichbezogenheit entledigt, umso geringer ist die Angst vor dem Sterben, da man nichts zu verlieren hat“. (Erich Fromm beschränkt diese Erörterung auf die Angst vor dem Sterben als solche und klammert das nahezu unlösbare Problem des Schmerzes, den wir durch unseren Tod jenen, die uns lieben, zufügen, aus seiner Betrachtung aus.)

Ein erstaunliches Zeugnis für das Vertraut-Sein mit dem Sterben sind Aussagen der holländischen Jüdin Etty Hillesum, die im November 1943 in Auschwitz ermordet worden ist. Im Wissen um die drohende Ermordung schreibt sie betend in ihr Tagebuch: „Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen… Mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen. Es gibt Leute, es gibt sie tatsächlich, die im letzten Augenblick ihre Staubsauger und ihr silbernes Besteck in Sicherheit bringen, statt dich zu bewahren, mein Gott. Und es gibt Menschen, die nur ihren Körper retten wollen, der ja doch nichts anderes mehr ist als eine Behausung für tausend Ängste und Verbitterung. Und sie sagen: Mich sollen sie nicht in ihre Klauen bekommen. Und sie vergessen, dass man in niemandes Klauen ist, wenn man in deinen Armen ist. – Ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen, aber meine Absichten sind die besten, wie du wohl merkst.“.
Diese erstaunliche Haltung von Etty Hillesum ist verbunden mit ihrer Überzeugung, dass das Leiden zum Leben dazu gehört. Sie sieht: „Die meisten Menschen des Westens verstehen die Kunst des Leidens nicht mehr und haben tausend Ängste davor. Das ist kein Leben mehr, wie die meisten Menschen leben. Man muss den Tod als einen Teil des Lebens akzeptieren. Es macht viel aus, wie man es erträgt (das Leiden) und ob man es in sein Leben einzuordnen vermag und das Leben dennoch bejaht“.

Für Etty Hillesum ist ihr Vertraut-Sein mit dem Leben auch ein Vertraut-Sein mit dem Sterben, und die Quelle, aus der sie ihre Kraft schöpft, ist ihr Vertraut-Sein mit Gott. Was für sie gilt, das spricht sie auch andern zu: „Irgendwo in dir ist etwas, das dich niemals mehr verlassen wird“.

Die von diesen Worten ausgehende Botschaft ist eine Ermutigung. Sie sagt uns: „In dir ist mehr, als du selbst bist“. In der biblischen Vorstellung sind es die Engel, die uns begleiten. „Gott hat für dich seine Engel entsandt und ihnen befohlen, dich zu behüten auf all deinen Wegen“‘ (Ps 91,11). In nicht religiöser Sprache weist der latein-amerikanische Dichter Juan Ramon Jiménez auf diese geheimnisvolle Kraft, die für uns behütend ist, hin:

Ich bin nicht ich.
Ich bin jener,
der an meiner Seite geht, ohne dass ich ihn erblicke,
den ich oft besuche,
und den ich oft vergesse.
Jener, der ruhig schweigt, wenn ich spreche,
der sanftmütig verzeiht, wenn ich hasse,
der umherschweift, wo ich nicht bin,
der aufrecht bleiben wird, wenn ich sterbe.

Eine biblische Ergänzung dazu ist die Beispielerzählung Jesu vom reichen Prasser und dem armen Lazarus. Der mitleidlose Reiche starb und wurde begraben. Das Sterben des Armen sieht anders aus. Jesus beschreibt es so: „Der Arme starb und wurde von den Engeln hinweg getragen – in den Schoß Abrahams“ (Lk 16,22). Der Bibeltheologe Heinrich Schlier schreibt dazu: „Engel sind die Tragkraft Gottes“. Wenn ich für mein Sterben auf die Tragkraft Gottes hoffen kann, dann muss ich das Denken an mein Sterben nicht verdrängen. Das Sterben kann mir vertraut werden, wenn ich mich schon im Leben der Tragkraft Gottes anvertraue.

Ich habe Ihnen einige Gedanken, die mir im Lauf der Jahre zum eignen Sterben gekommen sind, genannt. Sie waren zum Teil mit Angst machenden Gefühlen und Vorstellungen verbunden. Das Gefühl, ins Nichts hinein zu sterben, ist schwer auszuhalten.

Ich bin dankbar für biblische Stellen, die von Menschen berichten, die aus ihrem Suchen nach Gott und aus ihrer Erfahrung mit Gott hoffende Menschen geworden sind. Ich bin dankbar für ähnliche Zeugnisse von Menschen, die nicht aus einer religiösen Institution kommen und unverdächtig erscheinen, von einer religiösen Leitung indoktriniert zu sein.

Vielleicht und wahrscheinlich haben Sie andere Erfahrungen als ich gemacht, nach anderen Quellen gesucht, um das Wasser des Lebens zu finden.

Ich wünsche uns allen, dass wir mit dem Leben und Sterben vertraut werden. Martin Buber schreibt: „Der echte Glaube spricht: Ich weiß nichts vom Tod, aber ich weiß, dass Gott die Ewigkeit ist, und ich weiß dies noch, dass er mein Gott ist“.
Mein Bekenntnis: Ich glaube, Gott hat uns gewollt und will, dass wir in Seiner Liebe bleiben – immer.
Ich schließe meine Besinnung mit den Worten von Max Picard, die ermutigen, mit dem Sterben vertraut zu werden:

„Der Mensch ist mehr geschützt, als er es weiß.
Wir sind mehr gerettet als wir wissen.“

Kurt Sohns

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Bekenntnis

Ich glaube an das Licht,
Herr, ich glaube
an Deine Gegenwart überall,
an Deine Gegenwart
in der Farbe des Himmels,
in den welken Blättern,
in den Ruten des Ginsters,
in den Schatten der Hügel
und in den Stimmen aller Geschöpfe.

Herr, diese Stunde ist Dir untertan
Wie die Unsterblichkeit meiner Seele.
Deine Gewalt ist in meiner Freude,
und Du wiegst meine Schwermut
in Deiner Hand.
Du bist in jedem Gefühl,
und ich beuge mich
Deinen Gesetzen der Liebe.
Ich glaube an das Licht.

Max Bolliger

 

Gerhard Marcks: Noach empfängt die Taube

Nicht müde werden

sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Hilde Domin

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